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  • © Gert Heidenreich 2006:

    KALAHARI. ABEND

    Leichthin jagt der Blick unterm
    Kameldornbaum in die Savanne hinaus,
    als wäre ich frei.

    Springböcke über dem Hochgras.
    Luftbögen, Herzschläge,
    Flüchtiger Tanz.

    Hinter den Dünen hatte der Abend sein Fest.
    Der Sand brannte im Himmel.
    Ich verglühte mit ihm.

    Die Seile meiner Zeit versanken im Staub.
    Einzig das Auge hatte Verbindung.
    Das Herz war verwildert.

    ***

    GRAVELROAD C 145

    Um deine Schuhe sammelt sich
    dein Schatten. Licht auf dem Haupt,
    Daumenabdruck des Mittags.

    Gib acht. Wie einen trockenen Ast
    zieht dich die Blendung
    hinab ins sandige Flußbett,

    wo sich die Wanderer alle verirrten,
    wahllos und blind,
    vor Sehnsucht und Hitze.

    ***

    AUF DEM SPREETHOOGTE-PASS

    Sich das Leben zu wünschen
    wie den ungrenzbaren Blick. Was
    fehlte dir zu der einfachen Freiheit?

    Hier, an der Kante des Berges,
    schüttle sie ab, all die gesammelten Tode.
    Den einen nur, dein Geburtsetikett,

    nimm in die Ebene mit, ins Silbergras,
    in den Staub, in die Hoffnung auf
    Dünen, am Abend.

    ***

LOB DES NEBELTRINKERS
Namibische Hymne


Viel ist hier zu besingen, das unser Bewundern hervorlockt,
und viel verdient unser Staunen. Die Tanzbögen des Springbocks,
wie er sie, abfedernd von roter Erde, über das Silbergras spannt,
scheinbar im Flug. Die langen Spieße des Oryx, erhobenen Kopfes
legt der schmackhafte Bock seine Hörner dem eigenen
Rücken auf, um sich zu entlasten. Die goldenen Webervögel gewiß,
die in die Kameldornakazien Graswohnungen weben, von Jahr zu Jahr
legen sie schwerer ihr Nest dem Baum ins gegabelte Holz,
bis es zerbricht unter der Last. Nun ja, klug ist das nicht,
ohne statische Rücksicht zu bauen, doch macht es Eindruck.
Die Erdmännchen nicht zu vergessen, senkrecht stellen sie sich in die
rostrote Steppe, teilen Sand und Eisenoxyd sich mit Erdwolf und
Löffelfuchs. Man wird auch, ohne zu zögern, den Kudus und
ihrem geduldigen Zug über die Waterbergfelsen, wo sie das Dickicht
durchäugen, der Beinruhe wegen, die sie beherrscht,
Bewunderung zollen. Selbst den Pavianen dort, ungehobelten Kerlen,
die vor der Nacht ihren Familienstreit jedem kundtun, ob
Graukakadu oder Mensch, Klippschliefer oder der schwarzen
Mamba – ja, auch sie verdient unsere Achtung, die Riesin,
dick wie die Python, doch giftig zum Fürchten, die von ihren
drei Metern zwei Meter aufrichten kann. Man soll sie nicht lieben,
aber Respekt, der Entfernung, ehrende, einschließt, hat sie verdient.
So viele noch wären zu nennen, Adler und Geier, Riesentrappe und
Senegaltaube und Strauß, Bergzebras natürlich mit ihrem
schicken Design, mächtige Gnus, mutwillig stürzen sie sich
gesenkten Haupts auf die Vorderbeine im Sprung, und an ihrer
Tränke die kleine Wasserschildkröte – vor den breiten Mäulern, die hier
Nashörner eintauchen zum Saufen, schwimmt sie furchtlos davon.
Nicht übersehen kann man die tändelnden Schmetterlinge in ihren
Kostümen, die Sattelschrecken, kannibalische Aliens, nicht die
Termiten; gemeine Stechmücken, Fliegen sogar, wenngleich nicht
prächtig, doch zahlreich, sollen erwähnt sein.

Aber keines von denen rühme ich wie den Käfer, der auf den Dünen
der Namib, dort, wo sie lagern am Atlantik-Gestade, sein Leben
verbringt: onymacris unguicularis. Schwarz steht er, fingergliedgroß,
auf dem Sandgrat und wartet. Wartet auf den Nebel vom Meer.
Wenn der sich hebt, hebt auch der Käfer sich und macht,
man mag es kaum glauben, Handstand auf seiner Düne Kamm,
stemmt seinen Leib derart in den aufziehenden Dunst, daß
dieser sich niederschlage und sammle auf dem Chitin seines Panzers,
von dort, zu Tropfen geronnen, wie er es soll, laufe hinab in den kopfüber
offenen Rüssel. Der Nebeltrinker aus der Gattung der tenebronidae
schluckt fast die Hälfte seines Gewichtes an Wasser und kehrt
durstlos zurück ins kühle Innre der Düne.

Wenn ich mich frage, wie er erste seiner gelenkigen Art Schwerkraft
und Wasser zusammengedacht und die Methode entdeckt hat,
der Trockenwüste zu trotzen; wenn ich ihm zusehe, dem unscheinbaren
Insekt onymacris unguicularis, dem akrobatischen Überlister der Hitze –
dann, ja, bei großer Bewunderung für die namibische Fauna und
vielem Erstaunen, bleibt mein Blick doch diesem einen verhaftet,
dem Käfer, der lernte zu überleben durch Handstand.











FÜR KINDER


Gert Heidenreich ©2006
DIE GESCHICHTE VOM HAUS, DAS LAUFEN KONNTE


Da stand es und war sehr, sehr alt. Jemand hatte ein paar Scheiben eingeschlagen, im ersten Stock hingen die Fensterläden schräg aus den durchgerosteten Angeln und sahen traurig aus. Im Dach fehlten einige Ziegel, der Herbstwind fuhr durch die Löcher in den Speicher, rüttelte an der Tür und hob von innen immer noch weitere Dachziegel ab. Wie ein geknickter Strohhalm hing die Regenrinne an der Hauskante herab. Ihr unteres Ende verschwand im hohen Gestrüpp, das sich mit den Jahren vom großen Garten her langsam dem Haus genähert und es jetzt ganz eingeschlossen hatte.
Die alten Apfelbäume im Garten hatten sich unter der Last der Jahre gebeugt. Die Steinplatten auf dem Weg von der Haustür zur Gartenpforte waren dicht mit Erdbeerranken überwachsen. Irgendwer hatte die kleine Gartentür gestohlen. Der Zaun lehnte schief in den Büschen wie ein alter, weggeworfener Kamm, dem ein paar Zähne fehlten.
Das Haus wußte selber nicht, wie viele Jahre es schon hatte kommen und gehen sehn. Aber es erinnerte sich an eine glückliche Zeit, in der es, von frischen Weinblättern bedeckt, mit glänzenden Fenstern auf den Garten geblickt hatte. Menschen hatten da gelebt, hatten repariert, was dem Haus fehlte, Kinder waren durch den Garten und durchs Treppenhaus gelaufen. Lachen und Streit, Tränen und Gekicher, Musik und Schreie hatte das Haus gehört. Und manchmal, wenn nachts in einem Zimmer ein Kind im Bett leise vor sich hin weinte, hatte das Haus dieses Zimmer besonders warm und mollig werden lassen, damit das Kind sich zu Hause fühlen konnte. Natürlich wußte es nicht, warum das Kind weinte. Auch nicht, warum manchmal die Erwachsenen weinten. Und warum das immer häufiger vorkam und immer weniger Lachen zu hören war.
Eines Tages hatten die Menschen ihre Sachen aus dem Haus getragen, auf ein Lastauto gepackt und waren abgefahren. Das Haus wartete. Aber sie kamen nicht wieder. Niemand betrat mehr das Haus. Es war still und allein. Am meisten fehlten ihm die Kinder.
Der Winter brachte Schnee, das Haus fror, seine Mauern wurden feucht. Der Schnee schmolz, die Krokusse stießen aus der Erde, blühten lila und weiß und gelb, die Apfelbäume ließen ihre Kospen aufspringen, und das Haus versuchte manchmal, sich in der ersten warmen Sonne zu dehnen. Die heißen, blendenden Monate des Sommers kamen, das Haus schwitzte die Nässe aus, die im Winter eingedrungen war, die Dachbalken knarrten in der Hitze. Die Bäume trugen bald dicke, rote Äpfel. Aber niemand kam, um sie zu ernten, und sie fielen von den Ästen ins hohe Gras und verfaulten unter dem kalten Herbstregen. Wieder kam der Winter, der strengste seit Jahren. Der Wein an der Hauswand erfror, die Mauern bekamen schmerzhafte Risse.
So waren die Jahre dahingegangen. Und das Haus fühlte sich müde. Es sehnte sich danach, nicht länger aufrecht stehen zu müssen in dem verwilderten Garten. Der fing jetzt im Frühling wieder an, bunt zu werden; die Schlehenbüsche ums Haus trieben weiße Blüten. Das Haus dachte, daß es doch besser wäre, eine Pflanze zu sein, die nach der winterlichen Starre immer wieder lebendig wurde. Aber der blühende Garten machte ihm nicht mehr so viel Freude wie in den vergangenen Jahren, und die Menschen fehlten ihm noch mehr als früher. Da dachte es: Wenn zu mir keiner kommt, warten sie vielleicht, daß ich zu ihnen komme. Es blinzelte mit seinen fast blinden Fenstern in die Sonne und sagte: Ach wenn ich doch laufen könnte!
Aber da kamen ja Menschen! Sie kamen mit einem großen Auto, ein Lastwagen hinterher. Jetzt werden sie mich wieder heilen, dachte  das Haus. Sie werden mich wieder schön machen, die Scheiben einsetzen, damit ich wieder sehen kann, das Dach flicken, damit  der Sturm und der Regen mich nicht mehr quälen, sie werden mich  wieder mit Farben anstreichen! Und sie werden in mir wohnen und  lachen!
So jubelte das Haus. Doch nach dem Lastwagen ratterte ein grauer Bagger die Straße herauf, drehte sich auf der Stelle, walzte den Rest des Zauns nieder und fing an, Büsche auszureißen. Hinter ihm tauchte, hoch und schwankend, ein gelber Kran auf. An seinem  Seil schwang eine dicke Betonbirne, der gelbe Gitterhals des Krans drehte sich bedrohlich über die Apfelbäume hinweg auf das  Haus zu. Es schloß die Augen und wußte, daß jetzt das Ende da  war. Nach den vielen Jahren, die es gewartet hatte auf Menschen, waren sie gekommen – aber nicht, um in ihm zu lachen und zu  weinen, sondern um es abzureißen.
Gut, daß der Arbeitstag gerade zu Ende war. Feierabend. Der Bagger stand  stumm und ein bißchen blöde im Garten. Der Kran streckte seinen  Hals hochmütig und steif in den Abend, langsam pendelte die Betonbirne im Wind. Die Nacht senkte sich über den Garten und das Haus. Die Büsche und Bäume im Garten duckten sich unter dem Mondlicht  aus Angst vor dem Bagger. Sie hofften, daß er sie morgen  verschonen würde, wenn sie jetzt stillhielten. „Feiglinge!“ rief  das Haus. „All die Jahre haben wir zusammen ausgehalten! Und jetzt kneift ihr und zieht die Äste ein!“
Das Haus spürte, wie ihm der Zorn unbekannte Kräfte verlieh. Es knackste und knarrte. Es rupfte und zupfte an seinen Fundamenten. Die Fenster klirrten. Die Läden klapperten gegen die Hauswand. Auf dem Dach rüttelten die Ziegel. Und mit einem Mal hatte das Haus sich auf der einen Seite aus der Erde  gehoben, stand schief zwischen dem Gestrüpp, als wollte es zur Seite fallen; aber dann zog es die zweite, tiefere Mauer heraus und schob sich ganz aus dem Loch, in dem es gestanden hatte, rutschte ein Stück nach hinten, versuchte einen Sprung zur Seite, und als der gelang, den zweiten. Dann stand es still und schaute in die große leere Grube, in der es gerade noch – seit  wie vielen Jahren? – festgesessen hatte.
Die Apfelbäume und die Schlehenbüsche, das Gras und die Erdbeeren, sogar die Brennesseln sagten sich: Bloß nicht hinsehen, das gibt Ärger! Ein Haus, das aus der Grube hüpft – absolut unerlaubt, unerhört, nie dagewesenund von oberster Stelle für alle Zeiten verboten!
Aber das Haus fühlte sich nicht, als ob es was Verbotenes getan hätte. Kein bißchen schlechtes Gewissen. Und Strafen? Von wem? Es machte noch einen Sprung, diesmal nach vorn über die Zaunlatten auf die Straße. Da konnte es auf keinen Fall bleiben - als Verkehrshindernis fand es sich ungeeignet. Und weil das Springen nun schon geübt  war, lernte es zu gleiten, über die Wiese hinunter, an verblüfften Vergißmeinicht vorbei. Am Waldrand fing es an zu laufen. Langsam erst, dann schneller. Und das Haus lief vor dem Bagger und dem Kran und den mutlosen  Apfelbäumen davon, der Mond lief mit über dem krummen Kamin, ein paar Straßen mußten übersprungen werden, eine Brücke stöhnte unter dem Gewicht und dachte, was für dumme Alpträume es doch gibt von einem laufenden Haus ...
Ein Dorf war zu umrunden, und die Häuser dort schlugen sich die Fensterläden vor die Augen,  weil sie dachten, sie seien in ihren Speichern verrückt geworden. Ja, ein laufendes Haus macht vielen Angst. Nur das Haus selbst hatte keine Angst mehr. Es kam auf eine Wiese, deren Rand im Nebel verborgen war. Darum dachte es, es sei nun bis ans Ende der Welt gelaufen. Es war auch außer Atem, es hatte ja keine Übung im Laufen.
So blieb es stehen, schloß seine Fensterläden, so gut es ging, und schlief ein. Gegen Morgen hatte es einen schrecklichen Traum. Das Maul des  Baggers wuchs ins Unermeßliche, die scharfen Zähne hoben sich bis übers Dach, der gelbe Kran drehte sich wie ein riesiges Karussell und schleuderte seine Schlagbirne im Kreis – und als eben der Bagger zuschnappen wollte und der Kran immer näher tanzte, hörte das Haus einen gewaltigen Krach, als  würden seine Mauern zerbrechen. In diesem Augenblick wachte es auf.
Aber der Krach blieb. Das Haus erschrak: Ich hab nur geträumt, daß ich weglaufen konnte – der Lärm der Baufahrzeuge hat mich aufgeweckt ...
Es öffnete ängstlich die Fensterläden. Doch da war kein Bagger. Da war kein Kran. Da war rundherum eine weite Blumenwiese, in der Ferne ein Wald, dahinter ein Gebirge. Vor dem Haus stand ein alter Bus, der mit allen Farben bemalt  war, die die Welt kennt, und der so viele Beulen hatte, daß man  schon genau hinsehen mußte, um noch eine glatte Fläche im Blech zu finden.
"He, altes Haus", sagte der Bus. "Du bist aber ein Langschläfer. Wir sind einen Tag, eine Nacht unterwegs, und ich bin trotzdem  schon wieder wach."
"Was ist denn das für ein entsetzlicher Krach?", fragte das Haus.
"Das", sagte der Bus, "das ist bloß Toni, er haut morgens immer  erst mal zehn Minuten auf seinem Schlagzeug rum, um sich in  Schwung zu bringen. Du kannst ihn nicht sehen, er sitzt hinter mir. Aber Brigitte kannst du sehn, die läuft da drüben und pflückt ein paar Blumen für den Frühstückstisch. Peter kannst du auch nicht sehn, er steht grade an deiner Rückseite und – na ja, weißt  du, er hat nicht die besten Manieren, aber er ist ein guter  Kerl. Und die da jetzt grade aus mir raussteigt und den Klapptisch in die Sonne stellt, das ist Birgit, sie macht heute das Frühstück. Jetzt kennst du uns alle – halt, einen hab ich  vergessen. Amor liegt noch in mir drin unter einer Sitzbank hinten und steckt seinen Kopf unter die Kissen, weil für seine Hundeohren Tonis Schlagzeug eine Beleidigung ist. Aber er wird gleich rauskommen, und ich fürchte, er hebt an einer Ecke von dir das Bein, er gehört nämlich Peter, und du weißt ja: Wie der Herr, so der Hund."
Tatsächlich schwieg das Schlagzeug. Ein großer Boxerhund sprang aus der hinteren Bustür, schnüffelte aufgeregt um das Haus und machte genau das, was der Bus vorausgesagt hatte.
Das kann ja heiter werden, dachte das Haus. Es betrachtete die vier jungen Leute, die jetzt um den Tisch in der Sonne saßen, und sagte sich:  Immer noch besser ein Schlagzeug als eine Schlagbirne. Der Morgen war warm und klar, über der Wiese  stiegen Lerchen auf, rüttelten hoch oben in der Luft und sangen laut, dann ließen sie sich fallen, fingen sich  kurz über dem Boden ab und stiegen wieder so weit in den blendenden Himmel, daß man sie kaum mehr sehen konnte.
"Sag mal“, brummte der Bus, "ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber ich finde, du siehst ganz schön fertig aus. Total fertig, um genau zu sein.“
"Verstehe", sagte das Haus. "Ich bin ja auch schon sehr alt und sehr kaputt."
"Na und?", fragte der Bus. "Alt bin ich auch. Und kaputt? Wenn du wüßtest, wie oft ich schon kaputt war. Dann werde ich eben repariert! Das ist doch kein Grund, sich derart hängen zu lassen wie du deine Fensterläden!"
"Du hast ja keine Ahnung", sagte das Haus jetzt doch etwas  verärgert. "Du hast Menschen, die sich um dich kümmern und dich brauchen."
"Dafür hast du deine Ruhe", gab der Bus zurück. "Und ich? Dauernd auf Achse. Jeden zweiten Tag woanders, vor irgendeinem Gasthaus, in irgendeinem Dorf, in irgendeiner Stadt. Dann machen die vier Musik. Ich warte draußen in der Nacht, Amor zerfetzt aus lauter Langeweile alle Zeitungen, die er finden kann, und streut mich mit Papierschnitzeln voll. Dann kommen die  vier zurück, Toni verstaut sein Schlagzeug, Birgit ihre Geige, Brigitte ihre Flöte, Peter seine Gitarre; Motor an, und weiter  zum nächsten Konzert. Sie scheinen erfolgreich zu sein, obwohl natürlich das Beste in ihrer Band fehlt: Meine Hupe – aber das  haben sie noch nicht geschnallt, dafür reicht ihr Feeling nicht."
"Ihr was?“, fragte das Haus. "Ach laß es", sagte der Bus, "du bist eben nicht vom Fach. Ich  sag dir nur: Dauernd on the road, das ist auch nicht so toll. Ich hab verdammt große Lust, meine Zwillingsreifen hinten mal ein paar Nächte flachzumachen."
"Aber durch die Welt laufen ist doch das Herrlichste", sagte das Haus und versuchte, sich vorzustellen, was der Bus schon alles gesehen hatte. Birgit und Peter, Brigitte und Toni waren satt und sahen sich um. "Mann, ist das 'ne Hütte", sagte Toni zum Haus. Brigitte nickte: "Eine Schande, da steht ein ganzes Haus leer, und wir müssen in unserer Rostlaube nächtigen." Der Bus hupte empört. "Scheiß-Wackelkontakt", sagte Peter. Birigit sagte: "Ich finde, wer sein Haus so verrotten läßt, den sollte man zwingen, es zu verkaufen." Toni  lachte: "Du spinnst, wer kauft denn freiwillig so was?" Die ganze Zeit rief das Haus: "Aber ich gehöre ja niemandem! Ich stehe ja seit Jahren herrenlos herum!" Doch die vier hörten nicht, was das Haus rief, weil die Menschen für die Dinge zwar Augen haben, aber keine Ohren.
Immerhin stand Toni auf und ging auf das Haus zu. Das machte sein Türschloß noch  etwas lockerer, als es sowieso schon war, und als Toni die Klinke berührte, ging die Tür wie von selbst auf. Jetzt kamen die andern drei nach. Zum ersten Mal seit Jahren spürte das Haus wieder Schritte von Menschen auf seiner Treppe, in seinen  Zimmern. Es zitterte vor Glück. Später sah das Haus die vier über die Wiese gehen. Offenbar besprachen sie etwas Wichtiges miteinander, aber sie waren zu weit entfernt, ihre Stimmen waren nicht zu hören.
"Worüber reden sie?", fragte es den Bus.
"Wie soll ich das wissen", sagte der mürrisch. „Das nächste  Konzert, heute abend in Hierdorf oder morgen in Dadorf oder Wostadt oder Weißdergeiershausen. Mir sagt man ja nichts."
"Werdet ihr wiederkommen?", fragte das Haus, und es spürte, wie die kalte Furcht vor dem Alleinsein in seinen Mauern hochstieg.
"Keine Ahnung", sagte der Bus. "Ich hasse Abschiede. Sie machen mich traurig. Wenn ich traurig bin, geht meine  Scheibenwaschanlage von selber los, und Peter sagt wieder: Scheißwackelkontakt. Deswegen hasse ich Abschiede. Mach's gut, altes Haus."
Aber sie kamen wieder. Das Haus hielt die ganze Nacht lang die Fensterläden offen und starrte angestrengt in den Nebel, der über die Wiese zog. Die aufgehende Sonne brannte ihm in den Fenstern, aber noch immer schlief es nicht ein. Es erinnerte sich an die Zeit, als damals die Menschen ihre Sachen auf den Lastwagen gepackt hatten und davongefahren waren. Und es dachte: Es hat doch keinen Zweck, in die Welt zu laufen; was du findest, ist nur immer ein neuer Abschied; der Bus hat ganz recht, Abschied nehmen ist fürchterlich; da ist es besser, allein irgendwo zu stehen und nicht enttäuscht zu werden.
Als die Morgensonne schon hoch stand und das Haus kaum mehr die Läden aufhalten konnte vor Müdigkeit, sah es dort, wo der schmale Feldweg zwischen den Wiesen dünn wie ein Zwirnsfaden hinter dem Wald verschwand, eine kleine Wolke. Sie wuchs langsam, kam näher, und jetzt erkannte das Haus den winzigen Bus, der die Staubwolke hinter sich herzog. Der Bus hupte fröhlich und wild, er wollte gar nicht mehr aufhören zu hupen!
"Scheißwackelkontakt", flüsterte das Haus glücklich, die Läden fielen ihm zu, und es schlief ein. Als der Bus vom Feldweg abbog und über die Wiese auf das Haus zurollte, rief er: „Na, was hab ich gesagt? Abschiede sind vollkommen überflüssig !" Aber das Haus lag schweigend in tiefem Schlaf.
"Du bist doch wirklich ein unglaublicher Penner", sagte der Bus. "Ich laufe mir die Reifen wund, um schnell bei dir zu sein, ich  schrei mir die Hupe aus der Haube, um dich zu begrüßen, und was machst  du?“
Das Haus träumte. Doch diesmal hatte es keinen Alptraum von Bagger und Kran, sondern einen sehr glücklichen Traum von Birgit und Toni und Peter und Brigitte. Die trugen zwei Leitern ins Haus, Eimer voll Farbe, Hölzer, gestapelt, Werkzeug, Kisten mit Nägeln und Schrauben, Tapetenrollen und Stöße von Dachziegeln. Amor streifte durch die Zimmer, verbellte ein paar Spinnen, Birgit und Peter hämmerten am Dach, nagelten neue Latten an die Stelle der eingebrochenen und legten Dachpfannen an. Brigitte kittete neue Fensterscheiben ein, und Toni riß die verschimmelten Tapeten ab. Es war ein Hämmern und Schaben und Trippeln und Trappeln in diesem Traum, ein emsiger Lärm füllte die Räume, der jedes andere Haus unverzüglich aufgeweckt hätte. Aber das alte Haus träumte. Es träumte, daß seine Mauern und Wände, als seien sie tot gewesen, wieder zu leben begannen, sie kribbelten und bibbelten wie eingeschlafene Füße, wenn sie aufwachen. Da der Bus niemanden hatte, der mit ihm sprach, döste er in der Nachmittagssonne, und Amor döste in seinem Schatten. Später mußte der Bus mit Birgit noch einmal in die Stadt hinter dem Wald fahren. Vor Geschäftsschluß waren noch ein paar Sachen zu  besorgen. Als er zurückkam, war das Haus wach. „Na, wie  fühlt man sich?" fragte er. "Schlimm, die Hämmerei,  was?“
"Du hast nicht viel Ahnung von Häusern", sagte das Haus leise. Denn alles, was an ihm gemacht wurde, tat ihm so wohl, daß es froh stillhielt, wie ein Mensch, der gestreichelt wird. Zwei Wochen lang arbeiteten Brigitte und Peter und Toni und Birgit an dem Haus. Ab und zu fuhren sie weg, gaben ein Konzert, holten Reparaturmaterial. Aber sie ließen Amor im Haus zurück,  um es zu bewachen, und wenn nachts ein Fuchs um das Haus schlich, bellte der Boxer.
Dann kam der Tag, an dem der Bus schwer beladen über die Wiese ächzte. Zwischen den Gitterrändern auf seinem Dach lagen kreuz und quer und übereinander Tische und Stühle und Bettgestelle und Schränke.
„Wie das aussieht“, maulte der Bus. „Ein anständiger Bus mit Sperrmüll auf dem Kopf. Das muß man sich bieten lassen!“
"Das ist eine sehr hübsche Möbelfrisur", sagte das Haus und lachte so lange, bis der Bus mitlachen mußte und meckernd seine Hupe ertönen ließ.
"Scheißwackelkontakt", schimpfte Peter, während er mit Toni einen großen Spiegel  auslud und fürs erste in die Wiese stellte. Da sah das Haus sich im Spiegel. Es fand sich sehr schön. Die Scheiben glänzten, die Hauswand strahlte weiß, die Regenrinne hing gerade und silbrig schimmernd an der Seite, die Fensterläden waren erneuert oder aufgerichtet und so blau gestrichen, als wären sie aus dem Himmel ausgeschnitten worden. Sogar der Kamin streckte sich, kerzengerade aufgemauert, übers Dach.
„Ich könnte glatt eitel werden“, dachte das Haus und war es  schon. "Wie findest du mich?" fragte es den Bus, und der antwortete: "Ein bißchen zu sauber und ein bißchen zu rechtwinklig, aber sonst super."
"Ich finde dich sehr schön", sagte das Haus.
"Ich dich auch", sagte der Bus. Ohne daß er wußte warum, ging seine Scheibenwaschanlage an, aber Peter war Gott sei Dank viel  zu beschäftigt, um das zu sehen.
Die Zimmer waren eingerichtet. Die Abendluft duckte sich weich und warm um das Haus und den Bus. Auf dem Klapptisch brannten Kerzen, zwischen ihnen standen die Teller vom Abendessen, die Gläser, zwei Flaschen Wein. Neben dem Tisch hatte Toni sein Schlagzeug aufgebaut. Je dunkler der Himmel wurde, um so klarer traten die Sterne hervor. Als ob Birgit und Brigitte ihn mit Geige und Flöte gelockt hätten, schob sich der Mond übers Dach.
Das Haus hörte die Musik, der Bus schaukelte unmerklich im Takt – und das war nun seit all den vielen Jahren, seit Hitze und  Kälte, Regen- und Sonnentagen, seit die Kinder zuletzt in ihm gelacht hatten, der allerglücklichste Augenblick, den das Haus erlebt hatte. Es mußte tatsächlich einige Fensterläden schließen, so unheimlich glücklich war es. In der tiefen Nacht, als Toni und Peter und Birgit und Brigitte schon lange in seinen Zimmern schliefen, war es immer noch wach, und es stöhnte leise. Müde grunzte der Bus: "Was hast du?"
"Nichts", sagte das Haus. "Ich kann bloß nicht schlafen, weil ich so froh bin.“
"Mach einem alten Bus nichts vor", sagte der Bus, "du hast was. Raus damit, sonst hupe ich."
"Ich denke an meinen Garten", sagte das Haus. "Ich hab nämlich nicht immer hier gestanden. Genau genommen stehe ich erst seit ein paar Wochen hier. Früher stand ich viele Jahre lang woanders, in einem alten Garten. Da kamen ein Bagger und ein Kran, die wollten mich abreißen. Vor Angst bin ich weggelaufen. Die Bäume und Büsche sind nicht mitgekommen, die hatten noch  mehr Angst als ich."
Plötzlich war der Bus hellwach, er schaltete die Scheinwerfer und seine Innenbeleuchtung an. "Du willst mich wohl verar- -", sagte er und verschluckte den Rest. "Nein", sagte das Haus, "es ist die Wahrheit."
"Ein Haus, das ausreißt!" sagte der Bus. „Das gibt's doch gar nicht! Absolut unerlaubt, unerhört, nie dagewesen und von oberster Stelle verboten! Und jetzt sehnst du dich nach den Feiglingen in deinem Garten? Dein Dach ist wohl immer noch nicht dicht, jede Menge Schrauben locker, was?"
"Mach dein Licht aus", sagte das Haus, "und vergiß es!"
Der Bus sagte: "Okay, wenn du wirklich laufen kannst, zeig's mir! Lauf zurück in deinen Garten."
"Und du? Kommst du mit?" fragte das Haus leise.
"Kann's mir ja mal überlegen," sagte der Bus. Das Haus schwieg. Dann sagte es: "Wenn du nicht mitkommst, gehe ich nicht los. Ohne dich will ich auch meinen Garten nicht wiederhaben."
Der Bus spürte wieder ein verdächtiges Kribbeln in der Scheibenwaschanlage und sagte: "Gut. Ich werde dich aber genau im Scheinwerfer behalten! Keine Tricks!"  "Keine Tricks, und ich gehe ganz vorsichtig, damit unsere Freunde nicht aufwachen",  sagte das Haus und fing an, ein bißchen auf der  Wiese hin und her zu rutschen.
"Ich  träume!“, rief der Bus, "das ist ja  irre!“
Dann machte sich das Haus auf den Weg. Der Mond sah es zurücklaufen zum alten Garten. Hinter dem Haus fuhr langsam der leere Bus. Der Mond fand das nicht weiter ungewöhnlich, aber die dicken Stromleitungen an den stolzen, hohen Gittermasten schlackerten vor Angst, als sie unter sich  ein Haus durchlaufen sahen, dem ein hell erleuchteter Bus ohne Fahrer folgte.
Noch heute summen sie von dem unheimlichen Erlebnis. Und noch heute gibt es Häuser am Dorfrand, denen die Fundamente zittern, wenn sie sich an jene Geisternacht  erinnern – als das Haus, das vor Wochen schon einmal an ihnen vorbeigelaufen war, zurückkehrte, mit einem fahrerlosen Bus im Gefolge! Die Häuser dachten, das Ende der Welt sei gekommen, ganz zu schweigen von der Brücke, die sich aus lauter Angst beinahe in den Fluß gestürzt hätte.
Auch Peter und Toni, Birgit und Brigitte wunderten sich sehr, als sie am Morgen aus den Fenstern sahen und sich in einem  fremden Garten wiederfanden. Der war schön wie ein Märchengarten.
Birgit fand als erste die Sprache wieder: "Was wollen wir lieber tun - uns noch länger wundern, oder uns freuen?" Brigitte sagte: "Besser, wir freuen uns." Toni fand das sehr klug. Peter sagte: "Hier stimmt was nicht. Wir haben gestern Abend zuviel Wein getrunken, typischer Wackelkontakt."

Die Sonne schien auf ein paar sehr fröhliche Tage. Langsam richteten die Apfelbäume ihre Äste auf und reckten die jungen Triebe steil zum Himmel. Aber das Glück zieht das Unglück an, sagen alte Leute, die es wissen müssen. Diesmal behielten sie recht. Eines Vormittags fuhr das Auto vor, dem damals Bagger und Kran gefolgt waren. Jetzt aber folgte eine Funkstreife der Landpolizei.
Das Haus schrie, der Bus erschrak. Ein dürrer, blasser Mann entstieg dem Auto. Aus der Funkstreife wand sich ein dickbauchiger Polizist, der sofort seine Amtsrnütze  aufsetzte. "Hier fehlt der Zaun!" rief der dürre Mann. Das stimmte. Peter hatte aus den herumliegenden Zaunlatten einen Gartentisch gezimmert. „So, so“, sagte der Polizist und zog ein Formular aus der Jacke. Der dürre Mann spießte seinen knochigen Zeigefinger in die Luft vor dem Haus und schrie: "Da ist ja das flüchtige Subjekt! Verhaften Sie es!"
„Moment", rief der Polizist. "Sie haben Anzeige erstattet gegen ein fehlendes Haus. Aber wie man sieht, ist es da!"
Der dürre Mann flüsterte: "Hier liegt eine Verschwörung vor, Herr Wachtmeister! Entführung von Immbobilien!"
"Aber Sie haben angegeben, daß es sich um eine abrißreife Ruine handelt", sagte der Polizist. "Zweifellos ist dieses Haus jedoch vollkommen in Ordnung, weder abrißreif noch entführt! Sagen Sie mal, wollen Sie mich verar- -?" Beinahe hätte er „verarschen“ gesagt, aber weil er im Dienst war, verschluckte er, was ihm auf  der Zunge lag.
"Ich tu doch auch nur meine Pflicht", wimmerte der dürre Mann. "Ein  herrenloses Haus, ein herrenloses Grundstück, unordentliche Verhältnisse!"
Peter streckte den Kopf aus einem Fenster im ersten Stock. "Vielleicht hat Ihnen der Computer das falsche Haus gemeldet!" rief er herunter. Der Polizist grüßte hinauf:  "Entschuldigen Sie die Störung, es liegt offenbar ein Irrtum vor, ich betrachte die Angelegenheit als erledigt!" Und zum dürren Mann gewandt, sagte er: "Was Sie hier machen, nennt man groben Unfug im Amt und Irreführung der Behörden! Daß Sie sich nicht schämen!"
Die Funkstreife war längst davongefahren, als er dürre Mann noch  immer fassungslos im Garten stand und auf das Haus starrte. Begreiflich, daß er an seinem Verstand zweifelte. Als aber Birgit und Brigitte ihn zum verspäteten Frühstück einluden und Peter ihm ein paar Lieder auf der Gitarre vorspielte, fühlte er sich allmählich besser, und gegen Mittag sah er schon nicht mehr ganz so blaß aus wie am Morgen.  Am Abend saß er noch immer bei den vieren am Gartentisch. Amor schlief zu seinen Füßen. Kerzen flackerten auf dem Tisch, der dürre Mann erwies sich als kräftiger Weintrinker. Es war einer  jener seltenen Sommerabend, von denen der dürre Mann wünschte,  sie sollten nie zu Ende gehn.
Das Haus stand ruhig und glücklich in der Nacht. Es dachte an die Menschen, die früher in ihm gewohnt hatten. Es dachte an all die Jahre, die es allein und stumm im Garten gestanden hatte. Es erinnerte sich an die Angst und an den ersten Entschluß, das Laufen zu versuchen. Und jetzt war es ein bißchen stolz auf sich selbst.
"He, alte Rostlaube", rief es zur Straße hinüber, wo der Bus  stand. "Findest du nicht, daß ich ein tolles altes Haus bin?"
Aber der Bus schwieg. Er schlief schon tief und träumte von einem Konzert, bei dem er laut hupend mitten auf der Bühne stand und mit zahllosen Wackelkontakten eine herrliche Musik machte.

***


 
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